Unsere Kleiderkammer Burgdorf zwischen Hilfsangebot, Fast Fashion und einer globalen Altkleiderkrise
Unsere Kleiderkammer ist ein einfaches, aber wichtiges Angebot: Gut erhaltene Kleidung wird kostenlos an bedürftige Menschen weitergegeben. Es gibt keinen Verkauf, keine Einnahmen und keinen wirtschaftlichen Zweck. Die Arbeit wird ehrenamtlich geleistet und durch unseren Ortsverein getragen.
Doch nicht alles, was bei der Kleiderkammer abgegeben wird, ist eine Kleiderspende. Immer häufiger erreichen uns stark abgetragene, beschädigte, verschmutzte oder nicht mehr tragbare Textilien. Teilweise werden vor der Tür sogar Dinge abgestellt, die mit Kleidung nichts zu tun haben: Müllsäcke, Sperrmüll, alte Gardinenstangen, Porzellan oder andere Haushaltsgegenstände. Die Ehrenamtlichen müssen diese Hinterlassenschaften sichten, verladen und zur Entsorgung bringen.
Das ist keine Kleiderspende. Das ist Müllentsorgung auf Kosten anderer.
Deshalb kontrolliert die Kleiderkammer heute deutlich strenger als früher. Angenommen wird nur Kleidung, die sauber, trocken, gut erhalten und wirklich tragbar ist. Die Kleiderkammer ist keine Ersatzdeponie und kein Lager für Alttextilien. Sie ist ein soziales Hilfsangebot. „Wir haben rechtzeitig die Reißleine gezogen“, erklärt Brigitte Grabietz, Leiterin der Kleiderkammer. „Heute kontrollieren wir sehr streng und nehmen nur noch Sachen an, die wirklich weitergegeben werden können.“ Dieses genaue Hinsehen ist notwendig. Denn eine Möglichkeit, die früher selbstverständlich war, gibt es heute nicht mehr:
Früher kam ein Lastwagen
Kleidung, die nicht mehr an bedürftige Menschen ausgegeben werden konnte, wurde früher von einem Verwertungsunternehmen abgeholt. Intern hieß der Abnehmer schlicht der „Lumpenmann“. Er kam mit einem Lastwagen und nahm zerrissene, stark abgetragene und anderweitig nicht mehr brauchbare Textilien mit.

Die tragbare Kleidung blieb in Burgdorf. Auch hochwertige Artikel oder Markenkleidung wurden kostenlos an Bedürftige weitergegeben. Nur die unbrauchbaren Reste gingen an das Verwertungsunternehmen. Dort wurden die Textilien nochmals sortiert. Manche Stoffe konnten zu Putzlappen, Dämmmaterial oder Füllstoffen verarbeitet werden. Andere Waren wurden international weitergehandelt. Für die Kleiderkammer war das zumindest ein Weg, nicht auf den unvermeidbaren Resten sitzenzubleiben.

Doch der Lastwagen kommt nicht mehr. Nicht, weil einzelne Abholtermine ausfallen, der Lastwagen kommt gar nicht mehr. Der internationale Altkleidermarkt ist in eine schwere Krise geraten. In vielen Städten quellen Container über, Sammelstellen reduzieren ihre Annahme und Sortierbetriebe schließen. Der Grund ist nicht, dass niemand mehr Kleidung benötigt. Das Problem ist, dass ein wachsender Teil unserer aussortierten Textilien weniger wert ist, als seine Abholung, Sortierung und Verarbeitung kostet.
Fast Fashion greift den Markt von zwei Seiten an
Billigmode hat den Altkleidermarkt grundlegend verändert. In vielen Ländern konkurriert gebrauchte Kleidung aus Europa inzwischen mit extrem günstiger Neuware aus Asien. Ein gebrauchtes T-Shirt steht dort neben einem neuen, modischen Kleidungsstück, das kaum mehr kostet.
Gleichzeitig wird dieselbe Art billiger und kurzlebiger Kleidung in Europa massenhaft als Neuware verkauft. Nach kurzer Nutzung landet sie häufig selbst in Kleiderkammern und Altkleidercontainern.
Viele Stücke bestehen aus dünnen Stoffen und komplizierten Mischungen aus Baumwolle, Polyester und Elasthan. Die Nähte reißen schnell, die Stoffe verziehen sich und die Oberflächen nutzen sich ab. Sind solche Kleidungsstücke nicht mehr tragbar, lassen sich ihre Fasern häufig nur schwer voneinander trennen und kaum sinnvoll recyceln. Fast Fashion verdrängt damit gebrauchte Kleidung
auf den internationalen Märkten und liefert zugleich immer größere Mengen schlecht verwertbarer Alttextilien.
Selbst die großen Unternehmen geraten ins Wanken
Wie ernst die Situation ist, zeigt der Fall SOEX. Das deutsche Unternehmen gehörte zu den großen europäischen Akteuren für Sammlung, Sortierung und Verwertung gebrauchter Kleidung. Über eine Tochtergesellschaft organisierte SOEX sogar Rücknahmesysteme für internationale Modeketten.
2024 beantragten mehrere deutsche Gesellschaften des Konzerns ein Insolvenzverfahren. Als Gründe wurden unter anderem der Wegfall traditioneller Absatzmärkte in Osteuropa und der wachsende Wettbewerb aus Asien genannt. Für den gesamten Konzern fand sich kein Käufer. Das große Sortierwerk in Bitterfeld-Wolfen wurde geschlossen.
Es war also nicht einfach nur irgendein kleiner „Lumpenmann“, der seinen Betrieb einstellte. Selbst ein international vernetztes Unternehmen konnte die gesammelten Mengen nicht mehr wirtschaftlich verarbeiten.
Noch deutlicher wird das Problem beim schwedischen Unternehmen Renewcell. Dort wurde aus alter Baumwollkleidung tatsächlich ein Rohstoff für neue Fasern hergestellt. Die Technik funktionierte, eine industrielle Fabrik stand bereit und große Modemarken zeigten Interesse.
Trotzdem ging das Unternehmen 2024 insolvent. Es fehlten genügend verbindliche Bestellungen.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Viele Unternehmen werben gerne mit Recycling. Wenn recyceltes Material mehr kostet als neuer Rohstoff, entscheidet am Ende jedoch häufig der Preis.
Europa verschiebt einen Teil des Problems
Jedes Jahr exportiert die Europäische Union rund 1,4 Millionen Tonnen gebrauchte Textilien. Große Mengen gehen nach Afrika und Asien. Ein Teil dieser Kleidung wird dort tatsächlich weitergetragen. Der Secondhandhandel schafft Arbeitsplätze und ermöglicht vielen Menschen den Zugang zu günstiger Kleidung. Doch nicht jeder exportierte Ballen enthält Ware, die sich noch verkaufen lässt.
Händler kaufen häufig verschlossene Kleiderballen und wissen vorher nicht genau, was sie erhalten. Ist ein großer Teil der Ware unbrauchbar, bleibt die Entsorgung an ihnen und den Kommunen hängen.
Recherchen in Rumänien zeigten zudem, dass verschmutzte und schlecht sortierte Textilien als Gebrauchtkleidung ins Land gebracht wurden. Der wirtschaftliche Anreiz ist erheblich: Gebrauchtkleidung kann gehandelt werden. Abfall muss teuer entsorgt werden.
So kann aus einer vermeintlichen Spende eine Ladung Müll werden, die über Grenzen weitergereicht wird, bis jemand anderes für sie bezahlen muss.
Was am Ende bleibt
Für unsere Kleiderkammer bedeutet diese ganze Entwicklung, dass unbrauchbare Textilien nicht mehr selbstverständlich abgeholt werden. Sortierung, Lagerung und Entsorgung bleiben am Ortsverein hängen. Deshalb gilt eine einfache Frage:
Würde man dieses Kleidungsstück einem anderen Menschen noch guten Gewissens geben?
Ist die Antwort ja, kann daraus in der Kleiderkammer eine direkte Hilfe werden. Auch ein hochwertiger Mantel oder eine teure Jacke wird bei uns kostenlos weitergegeben.
Ist die Antwort nein, handelt es sich nicht um eine Kleiderspende, sondern um Restmüll.
Dass der „Lumpenmann“ nicht mehr kommt, ist deshalb mehr als ein Problem unserer Kleiderkammer. Es ist ein Warnzeichen für einen weltweiten Markt, der mit den Mengen und der sinkenden Qualität unserer aussortierten Kleidung nicht mehr hinterherkommt.
Die überfüllten Container zeigen nicht, dass zu wenig abgeholt wird. Sie zeigen, dass zu viel produziert wird.